06.05.17

-579- 95.000 Wörter später: Die Sackgasse

Bevor ich wieder im Dokument (oder in meinen Sense8 Marathon auf Netflix) verschwinde, möchte ich fix ein Update hier lassen. Ich habe eine geraume Weile nicht mehr über das Schreiben an sich auf meinem Blog geschrieben, überlege aber, mein Schreibtagebuch, das ich vor ... ich weiß nicht ... zwei Jahren (?) regelmäßig geführt habe, wiederaufzunehmen. Das heißt, es wird endlich wieder kleinere Einblicke in meinen Schreibprozess geben, wobei ich noch nicht weiß, ob ich es länger als einen Monat am Stück monatlich aushalte. Es gibt immerhin auch schlechte Tage und an denen ist es extrem deprimierend, einen Schreibtagebucheintrag zu schreiben, obwohl man das Dokument nicht angerührt hat. Mal schauen -- noch will ich mich nicht vollkommen abschreiben.
Jedenfalls wird es für mich Zeit, mit neuer Motivation an die Sache heranzugehen. Gestern habe ich meine Korrektur von Fuchsnacht beendet und meiner Lektorin zugeschickt und nun besitze ich wieder etwas mehr Zeit und Spielraum, um mich dem eigentlichen Schreiben zu widmen. Leider bin ich aus meinem Projekt #SieSagen, wie ich heute leider feststellen musste, komplett raus. Mir sind die Charaktere fremd, ich weiß (nach 95.000 Wörtern und etwaigen Pausen beim Schreiben kein Wunder) nicht mehr genau, was ich alles geschrieben habe und habe mich zur gleichen Zeit im letzten Kapitel in eine Sackgasse manövriert.
Mein erster Gedanke war, dass ich einfach störrisch durchpushe, aber nach etwa 1000 Wörtern Planung, die ich gestern Nacht noch ins Dokument eingetragen habe, und heutigen 800 Wörtern im aktuellen Kapitel, die man nicht gerade als "gut", geschweige denn als "lesenswert" bezeichnen kann, habe ich versucht, den Dialog, der stattfinden soll, auszuschreiben. Was nicht geklappt hat, weil ich mich an gewisse Basic-Informationen nicht mehr erinnern konnte. Und das ist ein Zeichen dafür, dass ich mich erst neu in das Projekt einarbeiten muss. Macht aber nichts, weil ich sowieso einige Dinge umstellen wollte. Das heißt, ich werde #SieSagen noch einmal von vorne bis zum aktuellen Punkt durchlesen und dabei streichen und verändern was mir nicht mehr plausibel erscheint, aber vor allem möchte ich anhand dessen, was ich bisher geschrieben habe, Ansätze für das letzte Drittel finden, das ich noch schreiben muss. Es heißt, die Fäden sinnvoll zusammenzuführen und ich bin gespannt, ob mir das gelingt. Nur weil es holprig ist, möchte ich jedenfalls nicht aufgeben -- und die Zeit bis das zweite Lektorat von Fuchsnacht eintrifft, möchte ich auch so produktiv wie möglich nutzen.
(Außerdem ist am 13. nicht nur ESC, sondern auch Schreibnacht, und bei der möchte ich natürlich auch wieder mitmachen; das geht nur, wenn ich bis dahin zumindest einen groben Plan habe, wie das Ende aussehen könnte. Leider habe ich da etwas ins Blaue geschrieben -- was auch schon oft funktioniert hat bei mir, aber wenn man nicht mehr vorankommt, geht es eben nicht mehr so weiter.)

20.04.17

-578- Nachtpanik



Zwei Jahre. Ich hatte zwei Jahre lang keine nennenswerte Nachtpanik mehr. Zwei Jahre, über die hinweg ich vergessen habe, wie schnell es vom Hoch ins Tief gehen kann und dass sich diese Schwankungen nicht einmal an einem Punkt festmachen lassen. Nachtpanik und Existenzängste sind nicht wie eine Erkältung; die Symptome kommen schleichend, sie verbergen sich vor den Blicken, oft genug tarnen sie sich als lächerliche Nebengedanken, die zu Beginn nur kleine Anomalien sind, denen man keinerlei Beachtung schenken muss. Dabei irren diese Gedanken eine Weile umher, bis sie nährenden Boden gefunden haben und sich ablagern wie Kaffeeränder. Ohne dass ich überhaupt bemerkt habe, wie es dazu gekommen ist, kann ich plötzlich nicht mehr einschlafen. Ich bin müde und erschöpft, aber mein Kopf mag nicht mit dem Drehen aufhören; alles besteht aus Kreisläufen, die immer und immer wieder durchlaufen werden müssen. Plötzlich kann ich nicht mehr atmen; meine Träume führen nirgendwo mehr hin. Ich mag diesem Gefühl am Tage keinen Raum geben. Ich bin nicht demotiviert, ich bin nicht am Ende. Ich arbeite weiter, ich beiße mich durch, denn ich kenne es doch schon. Dieser Angst habe ich schon vor langer Zeit einen Namen gegeben und sie mit mir vertraut gemacht — und doch ist es nicht, als würde ich einen alten Vertrauten bei mir willkommen heißen. Ich sehe die Angst nicht und denke: »Ach, du bist’s«, ich lade sie nicht mit einem Lächeln ein und ich biete ihr schon gar keinen Tee an. Eher bin ich wie paralysiert. Des Nachts starre ich ihr in die Augen und kann den Blick nicht abwenden. Tagsüber wird sie wie ein Möbelstück, das ich hin- und herrücke und mit dem ich doch nichts anzufangen weiß. Manchmal gehe ich des Tags einfach aus dem Haus und lass die Angst allein; fast kann ich mir einbilden, sie existiere gar nicht. Aber sie wartet immer auf meine Heimkehr und sobald es still ist, sobald ich die Augen schließe, stoße ich meine Zehen an ihr. Bei jedem Atemzug bewegt sie sich mit; ich fülle meine Lunge mit Sauerstoff und sie tut es mir gleich. Der einzige Unterschied zwischen uns beiden ist, dass ich weine und sie lacht, dass ich den Ernst spüre aber sie nur einen Witz in allem sieht. Sie lacht und mir bleibt die Welt in der Kehle stecken.

14.04.17

-577- Echt sein

(Bild via Tumblr)

Echt sein, was heißt das schon? Wenn ich mich zwischen #relatable und Mysterium entscheiden soll, stellt sich mir ein Bein. Ich will gekannt werden, aber bloß nicht ganz. Ich will verstanden werden, aber nicht durchschaut. Wer will schon vorhersehbar sein und sich dem Strom anpassen, wer will schon einer von vielen sein oder eine von Tausenden, wer will sich da reinpressen wie ein Komma in einen Relativsatz, wer kann denn bei solch einer Farce noch ruhig atmen?
Aber ich will gemocht werden und wer wird schon gemocht, wenn er nichts von sich preis gibt? Vielleicht will ich auch zu viel und kann zu wenig, aber das, das sind Gedanken für die Nacht und nichts für heute, nichts für jetzt, nichts für diesen Text, der an seinen eigenen Worten erstickt, an Kommas, an und’s, an unnötigen Einwürfen und konfusen Statements. Vielleicht will selbst dieser Text zu viel. Bestimmt will er gemocht werden. Aber was heißt das schon?

10.04.17

-576- Mit Helm

Ich hab da so ne Frau mit Helm gesehen. Die lief nicht mal komisch, also, weißt schon was ich mein. Die lief so wie du und ich. Na gut, vielleicht sah sie etwas wacklig aus. Und die Tasche, die sie getragen hat, hat voll in ihr Handgelenk geschnitten. Aber das is es nich, was komisch war oder so, sondern eben der Helm.
Ich glaub, ich hab sonst noch nie jemanden ohne Rad mit Helm rumlaufen sehen, aber die trug einen. Der war rot, aber so ein verblichenes Rot wie als hätte der schon oft die Sonne gesehen. Hab mich nur gefragt, was die macht, dass sie beim Spazieren gehen ‘nen Helm braucht. Und dann dacht’ ich … na ja, ich dach’t, ich bräucht eigentlich auch nen Helm. Aber für alles andere. So für die Seele. Fürs ganze Leben, mal abgesehen vom Körper. Für das, was da sonst noch is. Für das bräucht ich auch nen Helm.
Vielleicht tragen wir aber insgeheim alle schon Helme. Sind natürlich unsichtbar, kannst dir ja nich ausmalen, wie bescheuert man ohne Rad aber mit Helm aussieht. Als hätte man nen Aluhut auf, so glotzen einen die Leute an. So hab ich bestimmt auch geglotzt. Aber ja, ich bin mir sicher, insgeheim, da tragen wir alle Helme. Und die, die’s doch nicht tun, die fallen immer als Erste.

22.03.17

-575- Esther



Je schlechter sie sich fühlte, desto mehr klammerte sich Esther an ihre Klamotten. Sie hob ihre eigene Laune, indem sie ein zitronenschalenfarbenes Kleid anzog, eine blass gepunktete Strumpfhose und einen Choker, der ihr das Gefühl von Stabilität vermittelte. Sie wandelte auf erhöhten Absätzen mit bunten Schuhriemchen durch die Welt, kehrte ihr inneres Schwanken nach außen. Sie krallte sich an ihre himmelblaue Handtasche, die kaum größer als zwei Spannen ihrer Hände war und auf der wattige Wolken abgebildet waren. Sie hängte sich Miniaturlimetten ins Ohr und flocht ihr Haar. Sie baute auf sich selbst auf, auf dem, was sie kontrollieren konnte, und zeigte der Welt eine Esther, die alle Fäden in der Hand hielt — selbst wenn sie sich in Wahrheit fühlte, als würde sie auf einem Mammut das Reiten lernen. In ihrem Kleiderschrank konnte man nicht eine einzige Jeanshose finden. Nur Kleider über Kleider in den unterschiedlichsten Formen und Farben — doch das Gelb herrschte über sie alle. In den tiefsten Winkeln bewahrte Esther eidotterfarbene Röcke auf, gelb-rot gepunktete Strumpfhosen, sonnengeküsste Jäckchen. Wenn ihr Zimmer zu groß wurde, die Welt zu weit um sie zu fassen, setzte sie sich in ihren Schrank und rollte sich zusammen. Oder sie zog ein Kleid nach dem anderen an, legte sich mit ihnen auf das gemachte Bett und stellte sich vor, sie läge auf dem Totenbett. Mit einem schmalen Silberring an der Hand, Sonnenblumen-Ohrringen, geschnürten Lackschuhen und rapsfarbenen Kniestrümpfen. Sie fragte sich, ob sie glücklich wäre, wenn sie nicht mehr das Bedürfnis hätte, Luft in ihre Lungen zu pressen. Und danach weinte sie und lachte sich innerlich aus, bevor sie sich aus ihrem Zimmer schlich und sich unten im Musikzimmer ans Klavier setzte.
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