23.08.11

-132- Es zieht mich von Nord nach Süd (Fortsetzung)

Ich weinte nicht. Vielleicht, weil ich zum ersten Mal echte Blicke auf mir spürte. Keine Mutter über Skype, keine beste Freundin per Mail. Echte Menschen mit echter Neugierde. Und sie waren nicht besorgt um mich, sie befürchteten nicht, dass ich jeden Augenblick meine Pulsadern aufschlitzen würde. Sie wollten bloß meine Stimme hören, meinen Namen wissen. Und meine Zunge lockerte sich.
"Ich wurde verlassen", brachte ich hervor. Trockenheit legte sich an meinen Gaumen wie ein altbkannter Freund. Ich schloss Vertrauen und suchte doch nach den nächsten Worten. "Ich weiß nicht mehr weiter."
Acht Augenpaare auf mir und der bärtige Mann (er besaß sehr kleine Augen, bemerkte ich, die ihm das Aussehen eines schlitzäugigen Buddhas, mit durchaus ansehnlicher Haarpracht, verliehen) nickte langsam.
"Wie geht es dir damit?"
"Scheiße?", lachte ich und meine Stimme kippte. "Ich meine ... verdammtverdammtverdammt scheiße. So richtig."
"Hmhm"'s "Oh ja"'s und "Das kenn ich"'s drangen an meine Ohren. Bekundungen, die ich kannte. Und ich schüttelte den Kopf.
"Es kam ja nicht unerwartet. Ich meine ... es ist nicht so, als wäre ich aus allen Wolken gefallen."
"Nicht?"
"Nein. Ich wusste, er würde mich verlassen."
Sein Bild schwebte vor meinen Augen und ich musste schlucken; erinnerte mich an mein kleines Mantra: Wenn du jetzt weinst ... wenn du jetzt weinst, wirst du dir das niemals selbst verzeihen. Dann denken sie, du wärst schwach. Jemand würde versuchen, dich in den Arm zu nehmen.
Also weinte ich nicht. Vielleicht würden sie wieder von allein gehen, die ungewollten Tränen. Dieses Verzweifeln, es behagte mir absolut nicht. Ich war es nicht gewohnt; es gefiel mir absolut nicht.
"Ich ... weiß einfach nicht mehr weiter", presste ich zwischen zusammengebissenen Lippen hervor. Mir fehlten die Worte für poetische Umschreibungen, für Lyrik, die ich während unserer Beziehung so geliebt hatte. Es zog mich von Nord nach Süd, von Emotionen zu Taub-sein, zu stumpf-sein, zu Stille. Ich erwartete jeden Augenblick eine "wir können dir helfen" - Rede, doch sie blieb aus. Sie sahen mich an, manche nickten, andere wirkten fast abwesend ... und ich verstummte.
"Tja", schnalzte der bärtige Mann mit der Zunge und rieb sich mit dem Zeigefinger über die Oberlippe. "Das Leben, es führt uns an Schneisen und bricht einfach seine Zelte ab. Aber, das Gute ist, es geht immer weiter."
"Ja", sagte ich. Nein, dachte ich. Nein.

Kommentare:

  1. der text gefällt mir wirklich richtig gut. du hast wirklich ein talent zum schreiben. wird daraus eine längere geschichte?

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  2. wuuui weißt du wie sehr es mich freut das zu lesen? :)

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  3. manchmal ist das, was man will, einfach gar nicht zu kriegen.

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